Mirjam Pressler - Autorin und Übersetzerin

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Laudatio auf Mirjam Pressler

Literaturhaus München, 20. Juni 2017

Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Mirjam!

Ein Mädchen sitzt auf einem Dachboden, hinter einer Wand aus Koffern. Es ist mitten in der Nacht. Die anderen im Kinderheim schlafen längst, sieben Mädchen in einem Zimmer. Halinka, Protagonistin des Romans Wenn das Glück kommt, muss man ihm einen Stuhl hinstellen hat den winzigen Raum des Für-Sich-Seins entdeckt: ein Frei-Raum, den sie verteidigt. Hier sitzt sie und schreibt im schmalen Streifen Kerzenlicht.
Schreibt Sätze in ihr Gedankenbuch.
Sätze wie diesen:

„Eine halbe Wahrheit ist eine ganze Lüge. Aber vielleicht stimmt das nicht. Vielleicht ist eine halbe Wahrheit ganz einfach nur eine halbe Wahrheit.“

In dem 1994 erschienenen Roman von Mirjam Pressler sind Sprichwörter nicht nur die Kapitelüberschriften. Dahingesagt im Duktus gesetzter Poesiealbumsverse werden sie vom Leben einverleibt, hinterfragt und neu bewertet.
Aus Binsenweisheiten werden Lebensweisheiten.
Sätze wie Schutzschilder. Wie Schilder. Wie Wegweiser.

Es sind diese Sätze, die sich wie rote Fäden durch die Bücher von Mirjam Pressler ziehen, als könne man sich an ihnen entlang hangeln, wenn es darum geht, Erlebnisse zu benennen, Erfahrung zu bündeln, Leben zu bändigen, zu bannen, zu bauen. Stein auf Stein.
Wort auf Wort.

Wort auf Wort hat Mirjam Pressler in fast 40 Jahren mehr als 300 Kinder-, Jugend- und Erwachsenenbücher vor allem aus dem Englischen, Hebräischen, Niederländischen, aber auch Flämischen und Afrikaans übersetzt, und über 30 Kinder- und Jugendbüchern selbst geschrieben. Sie hat Werke von Uri Orlev, Amos Oz, Bart Moeyaert, von Zeruya Shalev, Batya Gur , Lizzy Doron und vielen anderen ins Deutsche übertragen.
Sie hat die Kritische Ausgabe des Tagebuchs der Anne Frank übersetzt und 1991 eine neue Leseausgabe zusammengestellt, die seitdem weltweit verbindlich ist.
„Malka Mai“, „Isabel“, „Hanna“, „Shylocks Tochter“, „Der Golem“, „Nathan und seine Kinder“ sind nur einige ihrer literarischen Figuren.

Und eben: Halinka. Halinka ist 12, Mirjam Pressler ist elf, als sie ins Kinderheim kommt. Davor wächst sie, 1940 in Darmstadt als uneheliches Kind jüdischer Herkunft geboren, bei nicht jüdischen Pflegeeltern in einer hessischen Kleinstadt auf.
Die Familie ist arm, Unterschicht. Es wird wenig gesprochen, viel gebrüllt, geprügelt.
Bücherlesen gilt als reine Zeitverschwendung.
Trotzdem sucht das Mädchen, kaum kann es sich die ersten Sätze zusammenreimen, Zuflucht ausgerechnet im gedruckten Wort: Heimlich im Wald auf einem Hochsitz versteckt oder beim verhassten Holzhacken im Hinterhof, für das sie eigens eine Konstruktion zum Lesen ersinnt, liest sie sich durch die Bestände der Leihbibliothek und der Bücherschränke so genannter besserer Leute am Ort, durch Reiseführer, bergeweise Heimat- und Liebesromane, Klassiker, Märchenbücher. Der Leiterin der Leihbibliothek macht sie ein bemerkenswertes Angebot: Sie wird putzen, um noch mehr Bücher ausleihen, um noch mehr lesen zu können.
Wer je die Bedeutung von und Wegweisung durch Lesen in Frage gestellt hat, wird spätestens hier eines Besseren belehrt.
Es kommt nur darauf an, die richtigen Bücher an die Hand gegeben zu bekommen.
Und das ist sehr oft Zufall. Oder Schicksal. Wer weiß das schon so genau.

„Die Abenteuer des Huckleberry Finn“ von Mark Twain ist so ein Buch. An das, was die Geschichte in ihr ausgelöst hat, erinnert sich Mirjam Pressler genau: Nicht Tom wird ihr Held – Huckleberry Finn ist der, der sie interessiert. Weil auch er ein ungewolltes, ein geprügeltes Kind ist. Sie findet sich darin wieder:

„Dass er seinen Vater nicht leiden konnte und dass das einfach so da stand! Diese geistige Unabhängigkeit hat mich tief beeindruckt.“

Lesend erfährt sie von Kindern wie sie selbst eines ist, lesend erfährt sie aber auch von Kindern, die willkommen, die geliebt sind. Und indem sie über Erfahrungen fiktiver Personen nachzudenken beginnt, wird für sie ein anderes Leben vorstellbar.
Denn es gibt eine andere Wirklichkeit als die ihre. Sie findet sie in Büchern. Und so wird Lesen für Mirjam Pressler sehr früh zum existentiellen Akt von Identitätssuche und Selbst(er)findung, wenn zwischen Lesen und Leben nur ein Buchstabe liegt. Doch der kann, so oder so, die Welt verändern. Und manchmal für den Einzelnen die Welt verbessern.
Für Mirjam Pressler zumindest war das so.

„Ich weiß nicht, was aus meinem Leben ohne Bücher geworden wäre.“

Es ist noch so ein Satz, auf dem sich lange herum denken lässt.
Dass sie selbst einmal Bücher schreiben wird, die sie als Kind gerne gelesen hätte, weil sie das Leben von LeserInnen verändern können, ahnt sie zu dem Zeitpunkt nicht.

Noch wohnt sie bei der Pflegemutter, die eine Pflegegroßmutter ist. Die zieht die Kinder ihrer Kinder groß. Die Mittelgeneration hat sich verdünnisiert. Mirjam Pressler ist die Jüngste in dieser Familie.
Fremd muss sie sich vorgekommen sein in dem lärmenden, lieblosen Umfeld ohne Bücher, ohne wirklich gewechselte Worte – und wenn man sich eines nicht vorstellen kann und nicht vorstellen will, dann das: dass sie, so gesehen, ein sprachloses, ein einsames, ein oft verlorenes Kind gewesen sein muss.

Man kann diese Kinder Danebensteher-Kinder nennen. Sie suchen sich diese Position nicht aus. Sie stehen daneben und schauen zu. Sie tun das, weil sie nicht dazu gehören. Weil sie anders sind. Noch ist das keine Frage der Wahl.
Später stehen sie am Rand und beobachten.
Noch später beginnen sie vielleicht aufzuschreiben, was sie gesehen haben und darum weiterhin sehen von diesem Rand aus. Sie könnten verharren, aber sie tun es nicht.
Mitten am Rand fangen sie womöglich an zu erzählen.
Sie treffen eine Wahl.

Mirjam Pressler hat diese Wahl getroffen: Das Fremdsein ist ihr Eigenes, vielleicht sogar ihr Eigentliches geworden – etwas zwischen Ausprobieren und Auftrag.

„Manchmal ist es gut, asozial zu sein – man ist so ungeprägt“,
beschreibt sie diese Vorgeschichte ihrer Lese- und Lebensgeschichte.
Und das ist auch so ein Satz.
Trotzdem. Sie redet darüber nicht gern.
Um ihre persönliche Geschichte macht die Geschichten-Erzählerin kein Aufhebens.
Aber sie erzählt eine Geschichte, eine wahre Geschichte:

Wenn sie am Abend in der Küche ihrer Pflegemutter aus der Zeitung vorliest, sind das rare Momente des Glücks. Der Reifenhersteller Continental macht zu der Zeit Schlagzeilen. Anders betont wird daraus ein Ort: das Tal der Continen. Orchideen sollen hier blühen, Schmetterlinge schweben und die Continen, eine Art Feen, in Frieden leben. So malt das Kind es sich aus. Denkt Gelesenes anders, deutet Wirklichkeit um und entwickelt auf diese Weise eine erste Utopie. In diesem Moment betritt Mirjam Pressler den Raum der Literatur, einen der Freiräume, der Freiheits-Räume.
Sie betritt jene Nebenwelt, die uns die Wirklichkeit verstehen lehrt, indem wir sie verlassen. Es ist der Raum, in dem man extremsten Gestalten, verstiegensten Ideen, brutalster Erkenntnis begegnen kann.

Wer sich dieser Zumutung und dieser Möglichkeit aussetzt, wird sich dabei verändern.
Für Mirjam Pressler wird dieser Raum der Sprache, dieser Raum in der Sprache, Ausgangspunkt und Anlaufstelle einer lebenslangen Beziehung.
Hier schärft sie ihren Blick für die Beschadeten. Hier schärft sie ihre Worte.
Von Wort zu Wort. Von Satz zu Satz.
Hinzuschauen, wo andere wegschauen, wird einmal ihre besondere Fähigkeit werden; stets an ihrer Seite: das einst sprachlose Danebensteher-Kind.

Wer heute bei Mirjam Pressler in Landshut klingelt, dem öffnet eine strahlende Frau die Tür, trotz schwerer Krankheit ist sie unverhofft vital.
Ihr Mann Genio Türke hat den Arm um ihre Schulter gelegt.
„Gehen Sie einfach durch den Hund durch“, hat er vor Jahren zur Begrüßung gesagt – heute variiert Mirjam Pressler diesen Satz: „Geh einfach durch die Katze durch!“
Die Katze ist ein prächtiger Stubentiger. Mirjam Pressler, Zigarette in der Hand, hat Zeit, hört zu, gibt Antworten, erzählt. Das Telefon klingelt – natürlich geht sie ran. Auch dafür nimmt sie sich Zeit. Bis vor kurzem war Besuch da: die Kinder, die Enkelkinder.
In der Licht durchfluteten Wohnung ist so viel Leben. Worte gehen hin und her. Sie sind rundherum. Sie stehen in den Regalen, hängen an den Wänden. So wie Bilder und Fotos. Eines zeigt Mirjam Pressler im Gespräch mit Marcel Reich-Ranicki.
Über dem Bett hängt eine Sammlung aus Engelsfiguren. Schutzengel. Oder sind es die Feen aus dem Continental?
Auf dem Schreibtisch und auf dem Boden stapeln sich Manuskripte: eigene und die von anderen, Übersetzungen und Auszüge aus dem Roman, an dem sie aktuell schreibt.
Fast vierzig Jahre nach Erscheinen ihres ersten Buches ist die Leidenschaft fürs Schreiben unverändert intensiv, sie springt ihr aus den Augen. Schreiben – das ist ihr Leben.
Sprachlos ist sie längst nicht mehr.

Zumutung hat mutig gemacht. Aus Sich-Trauen ist Zutrauen erwachsen.
Das gilt nicht nur für sie, es gilt für ihre Figuren. Und es gilt für die Menschen um sie herum.

Weil sie weiß, was es heißt, in Not zu sein, spürt sie die Not anderer. Dann kann es sein, dass das Telefon klingelt. Mirjam Pressler ist dran. Sie sagt: „Ich mach mir Sorgen um dich.“
Oder sie schenkt, wie es ihre Art ist, einen Satz – zum Beispiel diesen, nach einem langen Gespräch, ausgerechnet an ihrem 60. Geburtstag:

„Hinter diese Einsicht kommst du nicht mehr zurück.“
Wieder ein Satz mit der Qualität von Wegweisung.
Es ist ein Weitergeben der eigenen Freiheit und Unabhängigkeit.

Denn getraut hat Mirjam Pressler sich immer alles. Angst habe sie nie gehabt.
Schreiben, Übersetzen – der Anfang sei ein Zufall gewesen, ein Mach-doch-mal. Herausforderungen, in die sie sich stürzt.

Sie studiert Kunst in Frankfurt, in München Sprachen, lebt ein Jahr in Israel im Kibbuz, kehrt nach Deutschland zurück, heiratet, bringt Ronit, Gila und Tall zur Welt, lässt sich scheiden, arbeitet in diversen Jobs, eröffnet einen Jeansladen in München. Und während sie ihren drei Töchtern die neuesten Kinderbücher vorliest, nimmt sie sich vor:
„Irgendwann schreibe ich auch mal so ein Buch.“

Irgendwann ist 1979. Da ist Mirjam Pressler 39 Jahre alt. Die allein erziehende Mutter braucht dringend Geld, schickt darum ein Manuskript an den Verlag Beltz & Gelberg.
Für „Bitterschokolade“ erhält sie 1980 den Oldenburger Jugendbuchpreis. Erst dann erzählt sie Freunden und Familie von ihrem Schreiben, das sie bis dahin als Tagebuchschreiben deklariert hatte.
Danach ist sie nicht mehr zu bremsen.

Fünf weitere Romane folgen in nur zwei Jahren: „Nun red doch endlich“, „Kratzer im Lack“, „Stolperschritte“,„Novemberkatzen“ und „Zeit am Stiel“.

Ihre Geschichten sind Bestandsaufnahme dessen, was zunächst niemand wissen will. Sie handeln von Gewalt, Angst, Einsamkeit, von Behinderung, Esstörung, Zerstörung: keine heile Welt, keine Fantasie- oder Fantasy-Welt, die als Setting für Kinder- und Jugendbücher so oft herhalten müssen, sondern Leben. Viel Leben.

Weil die Autorin sich dem weit verbreiteten kinder- und jugendliterarischen Dreisprung aus Exposition des Themas – Durchführung – Lösung zwischen Buchdeckeln, mithin dem Rubrum „Problembuch“, verweigert, bleiben ihre Bücher aktuell.
Nie trägt die Autorin den Anspruch der Aufklärung vor sich her und leistet sie doch.
Wo andere wegschauen, schaut Mirjam Pressler hin.
Die Schonungslosigkeit, mit der sie das tut, die Sprach-Bilder und Äquivalente, die sie findet, lassen bis heute den Atem stocken.
Die Konsequenz mit der sie Tabus des Genres bricht, ist sogar innerhalb der realistischen Kinder- und Jugendliteratur der 80er-Jahre neu.

Es bleibt bis heute innerhalb der Kinder- und Jugendliteratur, in der mehr denn je brachiale Wirklichkeit inszeniert, Brutalität beinah gefeiert und Gewaltdarstellung zu Gewaltverherrlichung mit reißerischen Zügen mutiert, unverändert bemerkenswert.
Glaubt man den Gesetzmäßigkeiten des aktuellen Buchmarkts gewinnt der, der am lautesten tönt. Entsprechend ist die so genannte Zielgruppe der jungen Leserinnen und Leser zwischen aufgehalstem Voyeurismus, verordneter oder selbst gewählter Sensationsgier und Abstumpfung nicht so leicht aus der Fassung zu bringen.

Doch dann sind da – und bleiben – die Romane von Mirjam Pressler.
Sie lärmen nicht, sie sind eher still und gerade dadurch ungeheuer präzise. In knappen Sätzen, fast dokumentarisch, dabei poetisch, schreien sie da, wo sie schweigen.
Schlag auf Schlag. Wort für Wort.

„Einschnittsbücher“, nennt die Autorin selbst die ihr wichtigsten Titel.
Novemberkatzen aus dem Jahr 1986 über Ilse-Bilse-keiner-willse ist das erste.
Es ging ihr so nahe, dass sie erst mit einem Jahr Abstand öffentlich daraus lesen konnte:
„Das war zwar nicht ich, aber bei bestimmten Szenen und Formulierungen kam es meinem Ich sehr nahe.“

Ein anderes „Einschnittsbuch“ ist „Wenn das Glück kommt …“, weil darin nachzulesen ist, dass ein Mensch mehr sein kann als die Summe dessen, was er aushalten muss.

Vermeintlich unscheinbare Situationen sagen dann viel über das Kind Mirjam Pressler – und durch sie sehr viel über die anderen sprachlosen Kinder.

Einsamkeit beschreibt die Autorin darin so:

„Ich greife nach meiner geheimen Riechdose, einer Dose Pelikanol (…) Langsam schraube ich den Deckel ab und halte die Dose an meine Nase. Ich bin ganz wild darauf, Pelikanol zu riechen! Was für ein Geruch! Ein bisschen nach Marzipan und ein bisschen nach etwas Fremdem, Geheimnisvollem. Wenn ich an Pelikanol rieche, vergesse ich das Heim und alles andere.“

Alltags-Brutalität liest sich in Novemberkatzen so:

„Henner streckt die Hand aus: »Gib mir die Puppe«. Ilse greift neben sich, nimmt die Puppe aus dem Bett mit der karierten Decke und hält sie ihm hin. Klein und armselig sieht sie aus in Henners großen Händen. Er zieht an einem Arm. Das Gummiband, das beide Arme durch den hohlen Puppenkörper hindurch verbindet, kommt aus dem Ärmel der Bluse hervor. Henner spannt es noch fester und lässt dann los. Mit einem dumpfen Ton schnappt der Arm wieder ein und quetscht die Bluse in die Armkugel. (…) »So ein altes Drecksding«, sagt Henner und legt die Puppe neben sich auf den Hackklotz. Der Puppenkopf ist ganz nah vor Ilses Gesicht. Sie bräuchte nur die Hand auszustrecken und die Puppe zu nehmen. Nur das. Aber sie traut sich nicht. Henner lacht, zieht mit einem Ruck das Beil aus dem Holz, umklammert den Stiel mit beiden Händen und schwingt das Beil über seinem Kopf. Die Schneide schimmert hell. Ilse legt ihr Gesicht auf die Knie, verschränkt die Hände über dem Kopf und drückt die Unterarme fest gegen ihre Ohren. Der Schlag, mit dem das Beil den Hackklotz trifft, zittert in ihrem Körper nach. (…) »War doch nur eine Puppe«, sagt Henner viel zu laut (…) Der Puppenkopf ist bis zum Hals hinunter gespalten, die eine Hälfte ist auf den Boden gefallen. Ilse hebt die Zelluloidhülle hoch, betrachtet sie, als erwarte sie, zerhackte Knochen, Blut und Gehirn zu sehen. Sie weint nicht. Immer noch spürt sie nur die Angst, die jedes andere Gefühl in ihr abschnürt. Lange sitzt sie so da. Dann nimmt sie die Puppe, verbirgt sie unter der blauen Strickjacke und verlässt den Schuppen.“ (S. 128 – 130)

Niemals thematisiert Mirjam Pressker Gewalt um der Gewalt willen, aber wenn die Darstellung von Wirklichkeit es erfordert, hält sie dem Anblick stand.
Jeglicher Betroffenheitsgestus ist ihr fern, aber woran sie appelliert ist Auseinandersetzung mit dem Gelesenen, sind Erkenntnis und Selbsterkenntnis und vor allem Wahrnehmung des eigenen Innenlebens.

Mit Beschönigen hat all das nichts zu tun, einfache Lösungen wird man bei Mirjam Pressler nicht finden, aber schreibend erfüllt sie den Satz – wieder so einen Satz:

„… dass der Wille zu leben glücklicherweise meist stärker ist als alles, was Menschen sich gegenseitig antun. Mich interessiert die Frage, wie Identität unter widrigen Bedingungen entstehen und wachsen kann.“

Deshalb schreibt Mirjam Pressler vor allem für Kinder und Jugendliche.
Deshalb schreibt Mirjam Pressler.
Deshalb wird sie von Kindern, von Jugendlichen, von Erwachsenen gelesen.
Deshalb hat sie Lese-Biografien und vielleicht Lebensgeschichten von inzwischen Generationen geprägt.

Es ist nicht nur ein schriftstellerisches Credo – es ist die grundsätzliche Entscheidung zwischen Erzählen oder Nicht-Erzählen.
Denn man kann über ausgelieferte Kinder, über das Davonkommen aus Kindheiten, über das Davonkommen und Überleben des Holocaust nicht schreiben, ohne die Hilflosigkeit, den Hunger, den Terror, ohne Angst und Todesangst zu beschreiben.
Es bleibt nur die Wahl, davon zu berichten oder es zu lassen.
Mirjam Pressler hat sich fürs Erzählen entschieden, für ein persönliches wie ein historisches Erinnern.

Bis heute schreibt sie in ihren sozialkritischen wie in ihren zeitgeschichtlichen Kindheitsgeschichten gegen ein grundsätzliches Vergessen an, schreibt für ein spezielles Gedenken: das Gedenken der jüdischen Opfer des Holocaust.
Sie macht vertraut mit jüdischer Geschichte und Kultur.
Sie hat das historische und das kulturelle kollektive Gedächtnis geprägt wie kaum eine andere Autorin:

Ihr verdanken wir das Bild der Anne Frank auch als Schreibende und also Gestaltende, soweit es unter „widrigsten Bedingungen“ möglich ist.

Weil Mirjam Pressler findet, dass bestimmte Geschichten tradiert gehören, deutet sie berühmte jüdische Protagonisten der Weltliteratur schreibend neu – Shylocks Tochter (1999), Golem stiller Bruder (2007) und natürlich: Nathan und seine Kinder (2009).
Ihre Töchter hatten Lessings Theaterstück langweilig gefunden: ein „Gelaber.“
„Das hat mir leid getan“,
sagt Mirjam Pressler, also fasst sie das Drama mit dem Herzstück „Ringparabel“ als Erzählung aus vielen Perspektiven neu, und begeistert damit nicht nur ihre Kinder.

Wo andere vergessen mussten, um überhaupt weiterleben zu können, gibt sie einmal mehr den Sprachlosen eine Stimme. Aus den wenigen Erinnerungs-Bruchstücken der realen Malka Mai schreibt Mirjam Pressler die gleichnamige Überlebens-Geschichten (2001).
Der realen Hanna und ihrer Odyssee des Überlebens setzt sie 2011 ein Denkmal: Ein Buch für Hanna.

Zurück zum Anfang. Zurück zu Wenn das Glück kommt, muss man ihm einen Stuhl hinstellen.
„Mein Glücksbuch“, sagt die Autorin schlicht. „Es hat mich freier gemacht.“

Diese Freiheit ist es, die Mirjam Pressler schreibend weitergibt.
Sie gründet auf einer Einsicht, die gar nicht oft genug zur Sprache gebracht werden kann:
Ohne Vergangenheit ist keine Gegenwart und erst recht keine Zukunft zu haben.
Ohne Erinnerung keine Unabhängigkeit.
Kein Schreiben, kein Lesen, kein Weiterdenken, keine Wahl. Kein Gestalten von Leben.

Ein weiteres Mal ist das nun Thema des Schreibens von Mirjam Pressler. Im Zentrum der Geschichte, an der sie aktuell arbeitet, kommen im Wechsel zwei Mädchen zu Wort – die eine aus dem Hier und Jetzt, die andere aus dem 14. Jahrhundert. Rachel ist Tochter eines jüdischen Kaufmanns, dessen kostbarer Besitz heute als „Schatz von Erfurt“ besichtigt werden kann.
Ihr legt die Autorin einen weiteren ihrer Sätze in den Mund:

„Der Tod meiner Großmutter, noch mehr der Tod meiner Mutter mahnt mich, nicht nur Zufriedenheit oder gar Glück vom Leben zu erwarten. Du musst stark sein, sagt mir diese Erinnerung, du musst gefeit sein gegen Unglück und Missgeschick.“

Es sind Sätze wie Schutzschilder. Wie Schilder. Wie Wegweiser.
Sie zeigen, warum Geschichten erzählt werden müssen.
Was darüber hinaus bleibt ist ein Auf-, ist ein Erschrecken, ist Verunsicherung, die Leserinnen und Leser nachhaltig bereichert und ihr Denken für immer verändert.

Eine halbe Wahrheit ist eine ganze Lüge. Aber vielleicht stimmt das nicht. Vielleicht ist eine halbe Wahrheit ganz einfach nur eine halbe Wahrheit?

Mirjam Pressler hat sie alle gezeigt: die halben und die ganzen Wahrheiten.
Sie hebt damit Grenzen auf: die zwischen Kulturen, zwischen Generationen,
die zwischen Kinder- und Jugendliteratur und allgemeiner Literatur.
Nicht zuletzt dafür steht heute Abend die Verleihung des Münchner Literaturpreises.

Und so danke ich der Jury für ihre Entscheidung – Sie hätten keine würdigere Preisträgerin finden können.
Ich danke vor allem Mirjam Pressler und gratuliere ihr sehr – keine verdient den Münchner Literaturpreis so wie du.

Und ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit …

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16.07.17

 
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